Der Salzburger Rupertikirtag
Ein Fest zwischen Dom, Dirndl, Kirtagsmusik und jahrhundertealter Geschichte
Wenn sich Ende September die Salzburger Altstadt verändert, liegt das nicht nur am beginnenden Herbst. Rund um den 24. September verwandeln sich Domplatz, Residenzplatz, Kapitelplatz und die angrenzenden Gassen in eine ganz besondere Festlandschaft: Der Salzburger Rupertikirtag ist zu Gast.
Es riecht nach gebrannten Mandeln, Bratwürsten und regionalen Spezialitäten, irgendwo spielt eine Blasmusikkapelle, Kinder warten auf das nächste Fahrgeschäft und Erwachsene treffen sich auf ein Bier. Dazwischen tragen viele Besucher Dirndl und Lederhose, Handwerker zeigen alte Techniken und historische Fahrgeschäfte erinnern an eine Zeit, in der ein Jahrmarkt noch ein Ereignis für die ganze Stadt war.
Der Rupertikirtag ist dabei weit mehr als ein gewöhnliches Volksfest. Er verbindet religiöse Geschichte, Salzburger Brauchtum, Handwerk, Kulinarik und moderne Volksfestkultur – und das mitten in der historischen Altstadt.
Ein Fest zu Ehren des Salzburger Landespatrons
Im Mittelpunkt des Rupertikirtags steht der heilige Rupert. Sein Gedenktag ist der 24. September, und Rupert gilt als Schutzpatron des Landes Salzburg. Der Tag ist zugleich der Salzburger Landesfeiertag.
Rupert lebte etwa im 7. und frühen 8. Jahrhundert. Er stammte aus dem fränkischen Raum und war Bischof von Worms, bevor er um 696 in das damalige Herzogtum Bayern kam. Dort erhielt er den Auftrag, das Christentum in der Region zu stärken. Schließlich gelangte er nach Salzburg, dem damaligen Iuvavum, einer bereits in der Römerzeit bedeutenden Siedlung.
Mit Rupert beginnt ein entscheidendes Kapitel der Salzburger Stadtgeschichte. Um das Jahr 696 gründete er die Erzabtei St. Peter und legte damit einen wichtigen Grundstein für die Entwicklung Salzburgs als geistliches Zentrum. Auch die Gründung beziehungsweise frühe Entwicklung des Klosters Nonnberg ist eng mit ihm und seiner Nichte Erentrudis verbunden.
Wer also beim Rupertikirtag zwischen Dom und Residenz über das Festgelände spaziert, bewegt sich buchstäblich auf historischem Boden – und feiert gleichzeitig einen Mann, dessen Wirken die Entwicklung Salzburgs entscheidend geprägt hat.
Vom Domkirchweihfest zum modernen Rupertikirtag
Der Ursprung des Festes liegt in der kirchlichen Tradition des Domkirchweihfestes zu Ruperti. Solche Kirchweihfeste waren früher wichtige Ereignisse im Jahreskalender einer Stadt oder Gemeinde. Sie verbanden den religiösen Anlass mit Markt, Musik, Essen, Unterhaltung und gesellschaftlichem Zusammensein.
Auch in Salzburg wurde der Rupertitag bereits vor Jahrhunderten festlich begangen. Historische Quellen berichten von aufwendigen Feierlichkeiten, Schaustellungen, Theater und Musik. Besonders im Barock konnten solche Feste auch der Repräsentation der geistlichen und weltlichen Obrigkeit dienen.
Das heutige Fest ist allerdings nicht einfach unverändert aus dem Mittelalter übernommen worden. Der moderne Rupertikirtag wurde in seiner heutigen Form wesentlich später wiederbelebt.
Eine wichtige Jahreszahl ist 1977: Damals wurde die Salzburger Herbstdult in Form eines fünftägigen Rupertikirtags neu belebt. Das Fest kehrte auf die Plätze rund um den Salzburger Dom zurück. Seit 1982 ist auch traditionelles Handwerk ein fester Bestandteil des Kirtags.
Damit ist der Rupertikirtag ein schönes Beispiel dafür, wie Tradition funktioniert: Sie besteht nicht ausschließlich darin, etwas unverändert aus der Vergangenheit zu bewahren. Vielmehr werden historische Formen aufgegriffen, neu interpretiert und an die Gegenwart angepasst.
Warum eigentlich „Kirtag“?
Das Wort „Kirtag“ geht auf Kirchtag zurück. Gemeint war ursprünglich der Jahrestag der Weihe einer Kirche oder das Fest des Kirchenpatrons.
Aus dem kirchlichen Anlass entwickelte sich vielerorts ein gesellschaftliches Fest. Händler, Handwerker, Schausteller und Wirte kamen zusammen, und aus dem religiösen Fest wurde mit der Zeit ein Volksfest.
Genau diese Entwicklung lässt sich am Rupertikirtag beobachten: Der religiöse Kern – Rupert als Landespatron und das Domkirchweihfest – bleibt bestehen, gleichzeitig gibt es Marktstände, Musik, Fahrgeschäfte, Essen und geselliges Beisammensein.
Der Rupertikirtag steht somit für beide Seiten des Begriffs: Kirche und Kirtag, Geschichte und Gegenwart, Feierlichkeit und ausgelassene Lebensfreude.
Ein Fest mitten in der Salzburger Altstadt
Eine Besonderheit des Rupertikirtags ist seine Kulisse.
Viele Volksfeste finden auf eigens dafür vorgesehenen Festplätzen außerhalb der historischen Stadtzentren statt. In Salzburg ist es anders: Der Kirtag breitet sich mitten im Herzen der Altstadt aus.
Domplatz, Kapitelplatz und Residenzplatz werden ebenso einbezogen wie der Alte Markt; je nach Jahr kommen weitere Flächen hinzu. 2026 findet der Rupertikirtag vom 23. bis 27. September statt. Aufgrund von Bauarbeiten steht der Mozartplatz in diesem Jahr allerdings nicht als Veranstaltungsfläche zur Verfügung.
Dadurch entsteht ein faszinierender Kontrast: Barocke Fassaden, der Salzburger Dom und die Residenz bilden die Kulisse für Kettenkarussell, Festzelt, Marktstände und Volksmusik.
Man könnte sagen: Salzburg selbst wird zum Festplatz.
Tracht gehört einfach dazu
Dirndl und Lederhose sind heute eng mit dem Rupertikirtag verbunden. Viele Besucher kommen bewusst in Tracht, und auf dem Festgelände entsteht dadurch ein besonders farbenfrohes Bild.
Dabei ist die Geschichte der Tracht selbst interessant. Dirndl und Lederhose waren ursprünglich keine ausschließlich festlichen Kleidungsstücke, sondern gehörten zur Kleidung der ländlichen Bevölkerung. Das Dirndl entwickelte sich aus praktischer Alltags- und Arbeitskleidung; für Sonn- und Feiertage gab es aufwendigere Varianten. Mit dem Aufkommen des Tourismus im 19. Jahrhundert fand die Tracht zunehmend ihren Weg in die Städte und wurde später zu einem wichtigen Bestandteil der Salzburger Selbstdarstellung.
Beim Rupertikirtag wird diese Entwicklung besonders sichtbar. Tracht ist hier nicht nur Museumsstück, sondern wird getragen, bewegt und gelebt.
Und vielleicht ist gerade das ein Grund, weshalb der Kirtag so unmittelbar wirkt: Man schaut nicht nur auf eine Tradition – man ist mitten in ihr.
Handwerk: Wenn alte Techniken wieder lebendig werden
Zu den besonderen Elementen des Rupertikirtags gehört der Handwerksmarkt.
Seit den frühen 1980er-Jahren sind alte Handwerksberufe Teil des Festes.
Das ist mehr als dekoratives Beiwerk. In einer Zeit, in der viele Produkte industriell gefertigt werden und traditionelle Handwerkstechniken immer seltener im Alltag zu sehen sind, bietet der Kirtag einen Einblick in eine andere Form des Produzierens.
Hier wird nicht nur ein fertiges Produkt präsentiert. Besucher können erleben, wie etwas entsteht: mit Händen, Werkzeugen, Erfahrung und viel Geduld.
Damit bekommt der Begriff „Tradition“ eine ganz konkrete Bedeutung.
Fahrgeschäfte mit Nostalgiefaktor
Und dann gibt es natürlich noch die andere Seite des Rupertikirtags: die Fahrgeschäfte.
Kettenkarussell, Geisterbahn und weitere historische Fahrgeschäfte gehören zu den Publikumslieblingen.
Gerade dieser Mix macht den Rupertikirtag so charakteristisch. Einerseits gibt es alte Handwerkstechniken, Volksmusik und Tracht, andererseits Fahrgeschäfte, die für Kinder und Jugendliche pure Unterhaltung bedeuten.
So treffen am selben Ort mehrere Generationen aufeinander.
Der Großvater erinnert sich vielleicht an seinen ersten Kirtagbesuch, die Eltern gehen mit ihren Kindern zum Karussell, während die nächste Generation später selbst wieder mit Freunden zurückkommt.
Musik gehört zum Kirtag wie das Bier zum Festzelt
Ein Kirtag ohne Musik wäre kaum vorstellbar.
Blasmusik und Volksmusik sind deshalb zentrale Bestandteile des Rupertikirtags. Im Festzelt und auf den Bühnen treten verschiedene Gruppen auf, und gerade die Mischung aus traditioneller Musik und moderneren musikalischen Darbietungen macht die Atmosphäre aus.
Dabei ist Musik beim Rupertikirtag nicht nur Unterhaltung. In Salzburg gehört sie ganz selbstverständlich zur Volkskultur.
Wenn eine Blaskapelle aufspielt, Menschen mitsingen und sich die Tische im Festzelt füllen, entsteht eine Form des gemeinschaftlichen Feierns, die sich nur schwer auf einer Bühne oder in einem Konzertsaal reproduzieren lässt.
Was auf dem Teller landet
Natürlich darf beim Kirtag auch das Essen nicht fehlen.
Traditionelle österreichische und Salzburger Spezialitäten, Süßigkeiten, gebrannte Mandeln und typische Jahrmarktangebote gehören zum Erlebnis. Im Festzelt und an den verschiedenen Ständen wird gegessen und getrunken, während rundherum Musik und Kirtagstreiben weitergehen.
Besonders spannend ist dabei der Gegensatz zwischen Festessen und Jahrmarktklassikern: Hier kann traditionelle Küche neben Zuckerwatte, gebrannten Mandeln oder anderen typischen Kirtagsleckereien stehen.
Genau diese Mischung macht einen Kirtag aus.
Ein besonderer Moment: die Eröffnung
Der Rupertikirtag besitzt auch seine eigenen Rituale.
Bei der Eröffnung werden traditionell die Domglocken geläutet und die Marktfahne gehisst. Auch die Bürgergarde und Salutschüsse gehören zum festlichen Auftakt. Anschließend wird im Festzelt das Bierfass angestochen.
Damit beginnt offiziell das Kirtagstreiben.
Auch am Ende gibt es ein Ritual: Die Marktfahne wird wieder eingeholt.
Solche kleinen Zeremonien sind wichtig, weil sie dem Fest einen Anfang und ein Ende geben. Aus einer Ansammlung von Marktständen und Veranstaltungen wird dadurch ein richtiges Fest mit eigener Dramaturgie.
Hans Wurst – das ungewöhnliche Maskottchen
Eine charmante Besonderheit des Rupertikirtags ist Hans Wurst.
Die Figur begleitet den Kirtag als Maskottchen und ist insbesondere bei der Eröffnung und beim Abschluss präsent. Traditionell ist Hans Wurst beim Hissen beziehungsweise Einholen der Marktfahne dabei.
Der Name klingt zunächst kurios, hat aber einen historischen Hintergrund: Hans Wurst war eine bekannte Figur des europäischen Volkstheaters und der Wanderbühnen.
Damit passt die Figur hervorragend zu einem Fest, das selbst Elemente alter Jahrmarkt- und Theaterkultur bewahren möchte.
Der Rupertikirtag ist auch ein Stück Salzburger Identität
Vielleicht liegt hier das eigentliche Geheimnis des Rupertikirtags.
Er ist weder ausschließlich religiös noch ausschließlich touristisch. Er ist weder reines Volksfest noch Freilichtmuseum.
Er ist eine Mischung.
Für die einen ist der Rupertikirtag ein Familienausflug. Für andere gehört er einfach zum Salzburger Jahreslauf. Manche kommen wegen der Musik, andere wegen der Tracht, des Handwerks oder der Fahrgeschäfte. Wieder andere schätzen vor allem die kulinarische Seite.
Und natürlich kommen auch Besucher von außerhalb, die Salzburg einmal von einer anderen Seite kennenlernen möchten.
Die Stadt präsentiert sich während dieser Tage nicht nur als Mozartstadt, Festspielstadt und UNESCO-Welterbe, sondern als lebendige Stadt mit eigener Volkskultur.
Der religiöse Rupertitag
Wer den Rupertikirtag besucht, sollte nicht vergessen, dass hinter dem Volksfest ein religiöses Fest steht.
Am 24. September wird der heilige Rupert gefeiert. Rund um diesen Tag finden Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen statt. 2026 beispielsweise gibt es am Rupertitag eine Prozession von St. Peter zum Dom sowie ein Pontifikalamt im Salzburger Dom.
Besonders interessant ist, dass Rupert und sein Nachfolger Virgil gemeinsam als Diözesanpatrone Salzburgs verehrt werden.
Damit führt der Rupertikirtag zurück zu seinen eigentlichen Wurzeln: zu einer jahrhundertealten religiösen Feier, aus der sich im Laufe der Zeit ein großes gesellschaftliches Fest entwickelt hat.
Ein Fest, das Vergangenheit und Gegenwart verbindet
Vielleicht lässt sich der Rupertikirtag am besten als Zeitreise ohne Museumsvitrine beschreiben.
Man kann dort alte Handwerkstechniken sehen, Tracht tragen, Volksmusik hören und historische Fahrgeschäfte erleben. Gleichzeitig gibt es moderne Veranstaltungsorganisation, zeitgemäße Gastronomie und ein Publikum, das aus Einheimischen und internationalen Gästen besteht.
Das Entscheidende ist: Die Vergangenheit wird nicht einfach nachgespielt.
Sie wird gefeiert.
Und genau darin liegt die besondere Atmosphäre des Rupertikirtags.
Wenn am Abend die Lichter der Fahrgeschäfte leuchten, Musik über die Plätze klingt und sich zwischen Dom, Residenz und den alten Häusern der Altstadt Menschen in Dirndl und Lederhose bewegen, verschwimmen die Grenzen zwischen Geschichte und Gegenwart.
Der heilige Rupert, der vor mehr als 1.300 Jahren nach Salzburg kam, ist dabei zwar längst Geschichte – sein Name aber prägt die Stadt bis heute.
Rupertikirtag 2026
Der 49. Salzburger Rupertikirtag findet 2026 von Mittwoch, 23. September, bis Sonntag, 27. September, statt. Gefeiert wird rund um den Salzburger Dom auf den zentralen Plätzen der Altstadt. Die Fahrgeschäfte, Gastronomie, Musik, Handwerk und zahlreiche Brauchtumsveranstaltungen machen die fünf Tage zu einem der großen Fixpunkte des Salzburger Veranstaltungskalenders.
Wer den Rupertikirtag besucht, sollte deshalb nicht nur von Stand zu Stand gehen. Es lohnt sich, einmal innezuhalten und die Umgebung wahrzunehmen: den Dom, die Residenz, die alten Häuser, die Musik, die Tracht und das geschäftige Treiben.
Denn genau dort liegt die Besonderheit dieses Festes.
Der Rupertikirtag ist nicht einfach ein Volksfest in Salzburg. Er ist ein Volksfest, das aus Salzburgs Geschichte herausgewachsen ist.






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